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Wer im Moment studiert, studiert wahrscheinlich digital. Was macht das mit Studierenden und Professor*innen? Eine Spurensuche.

Markus Bick hat fast alles probiert: eine zusätzliche Kameraeinstellung. Musik für die gute Stimmung. Interaktive Elemente. Er hat investiert: in Bandbreite, in Equipment. Hat es gereicht? Linda Rautenberg war zu Beginn extrem motiviert. Sie hat alles mitgemacht, sämtliche Angebote genutzt. Und dabei eine Menge über sich selbst gelernt. Jetzt stellt sich die Frage: Aber wie geht es weiter?

Für Studierende und Lehrende an Hochschulen hat sich in nur zehn Monaten alles verändert. Das, was früher ganz selbstverständlich „Studium“ genannt wurde, ist jetzt etwas ganz anderes. Denn seit eine Pandemie die ganze Welt fest im Griff hat, ist an einen typischen Uni-Alltag kaum mehr zu denken. Stattdessen gibt es einen neuen Alltag – und der ist hauptsächlich digital.

Aber kann man ein Studium einfach so digitalisieren? „Ich habe mir den Kopf darüber zermartert, herauszufinden, wie ich die Dinge, die mir beim Unterrichten wichtig sind, digital abbilden kann“, sagt Prof. Dr. Markus Bick. Seinen Seminarraum an der ESCP Business School hat er gegen einen digitalen Raum ausgetauscht, ohne richtige Campus-Raumnummer, ohne quatschende Student*innen. Statt während einer Vorlesung durch die Reihen zu laufen und Studierende auch mal direkt anzusprechen, muss er jetzt darauf hoffen, dass die Internetverbindung seiner Student*innen stabil bleibt – und seine natürlich auch. „Dafür, dass wir alle so ein bisschen in den Lockdown reingerutscht sind, hat es aber erstaunlich gut funktioniert.“
 
Das findet auch Linda Rautenberg. „Es fühlt sich auf jeden Fall nicht normal an, aber momentan ist es eine gute Lösung“, sagt die Studentin. Sie studiert Management an der ESCP Business School – und hat sich ihr letztes Bachelor-Jahr eigentlich ein bisschen anders vorgestellt. Eben mit ein bisschen mehr Freiheit. Denn der Plan war eigentlich: drei Länder in drei Jahren. Das ist das Besondere an ihrem Studiengang. Im ersten Studienjahr London oder Paris, im zweiten Madrid, Paris oder Turin und das finale Jahr in Berlin oder Paris. Ein Studium als Reise durch Europa, als Abenteuer, als Inbegriff von Freiheit und neuen Eindrücken und Erlebnissen. Wer hätte ahnen können, dass jetzt alles anders kommt? Spoiler: niemand.

Etwa 85 Prozent der ESCP-Studierenden haben einen internationalen Background. Viele von ihnen sind zu Beginn des Lockdowns im Frühjahr nach Hause geflogen – auch Linda zog zurück zu ihrer Familie nach Luxemburg. Ihr drittes Studienjahr sollte sie eigentlich nach Berlin führen, aber macht ein weiterer Umzug jetzt Sinn? „Ich habe schon hinterfragt, ob ich jetzt nach Berlin ziehen soll, wenn doch alle Vorlesungen online übertragen werden“, sagt sie. Also besser in Luxemburg bleiben? Würde es das nicht leichter machen?

Was macht ein digitales Studium zu einem guten Studium?
Doch der leichte Weg ist eben nicht immer der richtige – das hat sich auch Prof. Dr. Bick gedacht. Um den Unterricht für die Studierenden so spannend wie möglich zu gestalten, habe er viel ausprobiert, sagt er: „Ich habe mich gefragt, wie ich Veranstaltungen anbieten kann, an denen die Studierenden Spaß haben.“ Denn er weiß sehr genau, dass er mit seinen digitalen Vorlesungen in direkter Konkurrenz zu ganz vielen anderen Dingen steht. Während Student*innen der Vorlesung folgen, checken sie gleichzeitig Instagram, machen den Haushalt, kochen Nudeln. Und dann gibt es auch noch Netflix.

Deswegen hat er sich ausprobiert: sich während der Vorlesung aus verschiedenen Kameraperspektiven gefilmt. Musik eingespielt. Virtuelle Gruppen angeboten. „Ich habe aber dann schnell festgestellt, dass man nicht übertreiben sollte. Weniger ist mehr“, sagt er. Dabei klingt sein Gedanke doch logisch: Wer möchte, dass Studierende möglichst lange aufmerksam bleiben, muss die Monotonie durchbrechen und immer wieder neue Reize bieten.

Herr Professor, Sie sind eingefroren!
So dachte Bick auch – bis die Rückmeldungen kamen: Bild eingefroren, zu viel Ablenkung, Studierende hätten eh die Präsentationsfolien in der Großansicht aktiviert. Also alles wieder zurück, aber in guter Qualität. Hochschulen, so auch die ESCP, haben schon vor Covid-19 eine gute Ausstattung gehabt, aber jetzt  erneut in wichtige Technik für eine digitale Infrastruktur investiert: hochwertige Mikrofone, Kameras, die den kompletten Hörsaal einfangen, Software. Wenn die Infrastruktur steht, technisch also vieles möglich ist, wie funktioniert dann E-Learning? „Obwohl ich an Technik glaube, glaube ich auch daran, dass sie nur gut funktioniert, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird. Was wir jetzt brauchen, sind gute pädagogische Konzepte“, sagt Prof. Dr. Bick.

Viele Professor*innen müssen ihr Lehren neu denken. Neben dem „Wie“ ist auch das „Wann“ entscheidend. Denn wenn vorher fest definiert war, dass die Vorlesung in Business Ethics am Dienstag um 12:00 Uhr stattfindet, ist das heute schon wesentlich flexibler. „Flexibilität ist gut, aber sie bringt nicht nur Vorteile,“ sagt Prof. Dr. Bick. Er spielt damit auf die große Frage an, welche Unterrichtsform denn besser sei: die synchrone oder die asynchrone Lehrform.
Die synchrone Variante ist die klassische: Um 12:00 Uhr beginnt der Live-Stream, Lehrende und Studierende treffen sich in einem virtuellen Raum – und los geht’s. Bei der asynchronen Lehrform werden die Vorlesungen, Assignments und Seminare aufgezeichnet und die Studierenden können sie anschauen, wann es ihnen passt. „Auch wenn die Studierenden zuhause sitzen, bin ich trotzdem ein großer Freund davon, synchron zu unterrichten“, sagt Bick. Er habe sich eingebildet, so sagt er, dass diese Variante den Student*innen mehr Struktur gäbe. „Und jungen Studierenden Struktur zu geben, das liegt eben auch unserer Verantwortung.“ Gerade im ersten sogenannten Lockdown, also im Frühjahr 2020, habe er gemerkt, wie wichtig für die Studierenden ein neuer Alltag in diesem neuen Normal mit neuen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten sein könne.

Das sieht Linda ähnlich. Besonders in der ersten Zeit habe sie jede Vorlesung, jedes Seminar mitgemacht. Auch, weil es kaum anderes zu tun gab: „Ich habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht. Trotzdem gab es kaum Abwechslung. Das Studium war eine gute Ablenkung.“
Zwischen den beiden Varianten will sich Linda gar nicht entscheiden, sie sieht eher die Vorteile jeder Unterrichtsform. Fächer, bei denen man diskutieren und sich mit anderen austauschen müsse, seien via Live-Veranstaltung einfach produktiver. Vorlesungen in anderen Fächern, bei denen man viel auswendig lernen muss um spezifische Prozesse zu verstehen, funktionieren hingegen aufgezeichnet gut. „Ich kann das Video dann einfach stoppen und mir Notizen machen, ohne etwas zu verpassen“, sagt Linda.

Digitales Lernen: der Jackpot für Introvertierte?
Generell haben sich in einem digitalen Hörsaal viele ungeschriebene Gesetze fast wie von selbst ausgehebelt. Introvertierte, die sich vielleicht nicht getraut haben im vollen Hörsaal etwas zu sagen, können jetzt einfach in den Chat eine Antwort tippen. „Die Dynamik verändert sich“, sagt Prof. Dr. Bick. „Allein schon, weil sich Studierende nicht mehr auf die üblichen drei Verdächtigen, die sich immer bei Fragen melden, verlassen können.“
Wenn er jetzt in seiner digitalen Vorlesung eine Frage stellt, dann bekommt er statt drei Antworten eben zwanzig. „Auf die muss ich dann erstmal reagieren. Das ist eine ganz andere Art der Diskussion.“ Er sagt aber auch: Eine Gruppendiskussion, selbst wenn sie digital imitiert wird, kann eine Präsenz-Diskussion nicht ersetzen. Das Bedürfnis, wieder im richtigen Hörsaal zu studieren – das wurde schon direkt zum Start des digitalen Semesters von den Studierenden kommuniziert. Denn was nur schwer digital aufgefangen werden kann, das sagen sowohl Linda Rautenberg als auch Prof. Dr. Bick, ist die Gruppendynamik, der soziale Lehrplan. Es ist einfach etwas anderes, wenn sich Kommiliton*innen gemeinsam zum Lernen treffen – auf dem Campus, in der Bibliothek, in der Mensa.

Der Raum für Zufall fehlt
Deswegen hat sich Linda dann doch entschieden nach Berlin zu ziehen. Seit August wohnt sie gemeinsam mit einer Kommilitonin, einer guten Freundin, in der Stadt. Das Timing war gut, denn die Maßnahmen wurden gelockert: Die Restaurants waren geöffnet und sie konnten sich in kleinen Gruppen draußen treffen. „Wir haben neue Restaurants getestet und auch am Campus mehr Leute kennengelernt. Ich konnte den Berliner ,Lifestyle‘ dann doch ein wenig erleben“, sagt Linda. Auch an den Hochschulen war es wieder möglich, in kleinen Gruppen im Präsenzunterricht und gleichzeitig digital, also hybrid, zu lernen.

Und auch wenn der Raum für Zufall weitestgehend fehlt, funktioniert vieles richtig gut. Professorinnen und Professoren wie Prof. Dr. Bick konnten Erfahrungen sammeln und pädagogische Konzepte weiterentwickeln. Studierende wie Linda Rautenberg erleben eine neue Stadt zu einer ganz besonderen Zeit – nicht so wie geplant, aber nicht weniger spannend. Alle entwickeln sich weiter, wachsen über sich hinaus. Und lernen gerade so viel wie noch nie.


Dieser Artikel, geschrieben von der ze.tt Branded Content Redaktion, erschien ursprünglich als Sponsored Post auf ze.tt, einem Online-Magazin der ZEIT. Der Text wurde leicht gekürzt.

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